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Im Bann der tausend Augen


Oberstufentheater des HLG begeistert mit Adaption von E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“

Dass sich das HLG gerne an theatrale Experimente wagt und sie mit Bravour meistert, hat es bereits mit dem selbst entwickelten Schulstück „We don’t need no“ und dem Krimi-Dinner gezeigt. Besonderen Mut bewies die 18-köpfige Gruppe der Jahrgangsstufe 11 und 12 unter Leitung von Elisabeth Hübner jetzt mit der Entscheidung, die schwarz-romantische Phantasmagorie „Der Sandmann“ von E.T.A Hoffmann zu adaptieren. Denn wie bringt man die unheimliche und vielschichtige Erzählung, die um den Sandmann kreist, der den Kindern Sand in die Augen streut und sie ihnen dann raubt, ohne große Mittel auf die Bühne? Eine Geschichte voller Abgründe, die von Kindheitstrauma, Automaten-Menschen, von Einbildung und Verwirrung und schließlich von Wahnsinn und Selbstmord erzählt.

Die junge Theatergruppe versucht erst gar nicht, die Geschichte nachzuerzählen und es dem Publikum zu erklären. Sie konzentriert sich ganz darauf, die psychopathologische Seite der Hauptfigur Nathanael mit allen Registern des modernen Theaters zu deuten – mit Performance, Theater im Theater, Einbeziehung des Publikums, Chorgesang, mit Lichteffekten, Musik, Rap, Ballett und vielem mehr. Dies gelingt den hoch konzentriert spielenden Schülern in einer beeindruckenden Weise. Vom ersten Augenblick an, als die Darsteller, alle in Schwarz gekleidet, wie Soldaten aufmarschieren und sich vor dem magisch-bedrohlichen Auge (Bühnenbild: Anastazja Gawron) postieren, werden die Zuschauer in ihren Bann gezogen. Die Akteure beginnen unvermittelt auf die Zuschauer einzureden, wild gestikulierend, beschwörend der eine, andere abgeklärt-zynisch, empört oder resigniert. Ein verwirrendes Stakkato von Meinungen, Stimmen und Urteilen. Es folgen viele überraschende und berührende Bilder von einer großen Intensität. Und die Spannung hält an, bis die Aufführung nach knapp einer Stunde mit einem ebensolchen Knall endet.

Großen Anteil daran haben vor allem zwei Dinge: einmal die Wahl der Spielstätte. Die ehemalige Produzentengalerie am Kennedyplatz, die gerade zum neuen Literaturhaus Landshuts umgestaltet wird, empfängt die Besucher bereits beim Eintreten mit schwarz verkleideten Säulen und dem übermächtigen Augen-Bild in einer bedrohlichen Atmosphäre. An die Säulen heften die Schauspieler später Bilder von maskenhaften Gesichtern mit leeren Augen, alle von ihnen selbst mit Kohlestift gezeichnet. Eine Bühne gibt es nicht, die Schüler spielen mittendrin wie in einer Arena. Dass man von manchem Zuschauerstuhl aus nur einen Teil des Spiels sieht, passt ins Bild – wie auch die Aufforderung ans Publikum mitten im Stück, den Platz zu wechseln. Plötzlich hat man eine ganz andere Perspektive, doch der Bann der tausend Augen bleibt.

Als Requisite reicht ein kleines Podest. Dies ist zugleich Küchentisch einer dumpf-autoritären Kindheit, geheimnisvolles, im Nebel waberndes alchimistisches Labor des Vaters mit dem grausigen, dem Jungen Angst einflößenden Advocatus Coppelius. Es ist zugleich Seziertisch für die tiefenpsychologische Analyse des Sandmanns durch Professor Sigmund Freud, die es wirklich gibt und die den Verlust der Augen mit der unbewussten Kastrationsangst gleichsetzt. Das kleine Podest ist ebenso Bühne für den Auftritt der wunderschönen, aber automatenhaften Olimpia, in die sich Nathanael verguckt, wie für brillante Rap-Einlagen.

In die Puppe Olimpia, in diese Mensch-Maschine oder Maschinenmensch verliebt und verliert sich Nathanael – was ihn schließlich in den Wahnsinn und Selbstmord treibt. Dass dies den Zuschauern auch ohne Textkenntnis nahegeht, liegt an einem zweiten Kunstgriff, den das Ensemble von Frau Hübner schon früher angewendet und sichtlich perfektioniert hat: Es gibt keine feste Zuordnung der Schauspieler zu den einzelnen Figuren – mit Ausnahme der stets nur „Ach“ hauchenden Olimpia, der Katharina Novikov mit einer Balletteinlage kurz ein sphärisches Leben verleiht, die jedoch bald durch eine von der Decke schwebende Puppeninstallation ersetzt wird. Alle spielen alles. Das wirkt schon bei der Familienszene am Tisch, als die Szene immer wieder einfriert und vier andere Spieler den Disput zwischen Mutter, Vater, Schwester und Nathanael weiterführen. Das zieht sich durchs ganze Stück, jede Rolle wechselt, manche Passagen der Erzähler werden vom chorhaften Sprechgesang verzerrt, und dann taumeln sie alle im Gruppen-Rausch durch den Saal.

Man spürt als Betrachter deutlich: Da ist keine solide Basis mehr, die den Physikstudenten Nathanael trägt, nachdem der in der Gestalt des Brillen und Vexiergläser verkaufenden Coppola an sein kindliches Trauma erinnert wird. Retraumatisierung würde die heutige Wissenschaft dazu sagen. Alles ist in Bewegung, keine Ruhe mehr, keine Sicherheit, kein fester Stand – mit einfachen, aber effektiven Mitteln verzaubern die Mitwirkenden der Oberstufe und unterstreichen die Zeitlosigkeit der über 200 Jahre alten Erzählung.

Das zieht sich durch bis zum bitteren Ende. Die tausend Stimmen des Anfangs kehren zurück, das Chaos aus wild durcheinander hastenden, schreienden, flüsternden und brabbelnden Menschen – Nathanael ist seinen Wahnvorstellungen und Imaginationen ausgeliefert. Spontan kommt einem der Bestseller von Richard David Precht in den Sinn, mit dem er den Zeitgeist philosophisch greifen will: „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“ Im „Sandmann“ von E.T.A Hoffmann entfaltete sich 1816 ein Gegenentwurf zur reinen emotionslosen Ratio der Aufklärung. Idealistische Postulate wie „Liberté, égalité, fraternité“ oder „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ verkommen angesichts der Gräuel der Napoleonischen Kriegswirren zu hohlen Phrasen.

Die Schüler übertragen diese Skepsis gegen die reine Wissenschaft und Rationalität mit überragenden Szenen gekonnt auf die heutige Zeit. Und das Stück endet mit einem geheimnisvollen, tief berührenden Bild: Die Schauspieler beginnen, den Ort des Selbstmords abzusperren – und schaffen mit den rotweißen Bändern auf ihren Wegen durch den Saal ein verwirrendes Netz. Ein wenig erinnert es an die neuronalen Bilder, die Gehirnforschen so gerne vorzeigen. Doch hier ist alles verstrickt und gefesselt, es ist keine Bewegung in Freiheit möglich. Die dichte, ergreifende Aufführung erhält zu Recht einen begeisterten Applaus. E. T. A. Hoffmann hätte diese postmoderne Version seines Themas gewiss gefallen.

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